Legasthenie - LRS

"Jährlich verlässt fast ein Viertel aller Jugendlichen die Schule mit nur elementaren Kompetenzen im Lesen und in der Rechtschreibung und mit einer nur geringen Motivation, freiwillig zu einem Buch zu greifen. Jährlich scheitern Tausende von Kindern im Anfangsunterricht an der Aufgabe lesen und schreiben zu lernen. Die Schule ist offenbar überfordert, Schüler und Schülerinnen wirksam in Bezug auf diese wichtige Schlüsselqualifikation zu fördern (...). Bis heute sind die Grundsätze der Kultusministerkonferenz zur Förderung von Kindern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten nicht realisiert." (aus der Stellungnahme der DGLS zu Legasthenie / LRS, 2006)

Leseverständnis ist das eigentliche Ziel von Lesen. Doch für ein gutes Leseverständnis sind neben vielen Teilkomponenten wie Sprachverständnis, themenbezogenem Vorwissen, Motivation .. (z. B. Artelt, et al. 2002; Rost, 2006), auch die Fähigkeit genau und flüssig zu lesen von großer Bedeutung. Bei Problemen in einem dieser grundlegenden Bereiche wird das Textverständnis beeinträchtigt. Kinder und Jugendlichen mit Leseschwierigkeiten können in einem oder bei mehreren dieser Bereiche Defizite haben. Bei guten Lesern erfolgt das Lesen mühelos und äußerst schnell. Die Kinder "mit  Legasthenie / LRS " haben aber bereits erheblich(st)e Probleme mit den basalen Lesefertigkeiten, der Lesegenauigkeit und / oder insbesondere der Lesegeschwindigkeit (z. B. Klicpera, Schabmann & Gasteiger-Klicpera, 2006).

Gerade Schwierigkeiten beim Lesen  sind häufig mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen verbunden. Bei Legasthenie / LRS können der schulische Erfolg, die Lernmotivation, das Selbstvertrauen sowie das allgemeine psychische Befinden nachhaltig beeinträchtigt werden. Auch im sozialen Bereich, z. B. in der Klasse, kann der Status des Kindes durch die Misserfolge leiden. In einer aktuellen Längsschnittstudie (Gasteiger-Klicpera et al. 2006) wurde empirisch belegt, dass viele Kinder mit LRS sich im Verlauf der Grundschulzeit zunehmend aus der Klassengemeinschaft zurückziehen und etwa die Hälfte von ihnen zur Gruppe der weniger beliebten Kindern gehören. Zudem werden sie in den höheren Grundschulklassen häufiger Opfer von offenen und indirekten Aggressionen. Die Kinder mit geringeren Lese- Rechtschreibleistungen berichteten auch häufiger über Gefühle der Einsamkeit und Niedergeschlagenheit. Auffällig war, dass die Eltern der betroffenen Schüler von den sozialen Schwierigkeiten ihrer Kinder wenig wussten.

Welche typischen Probleme haben die Kinder beim Lesen?

In der ersten Klasse hat ein Teil der  Kinder  Probleme beim Lernen der Buchstaben- Lautverbindungen. Selbst in höheren Klassen verwechselt ein Teil von ihnen noch das <b> und <d> und die Buchstabenverbindungen <ei> und <ie>. Das Zusammenlesen fällt ihnen schwer. Dabei stellen Konsonantenhäufungen wie <Bl> in Blatt oder <Schm> in Schmuck eine besondere Schwierigkeit dar.

In den weiteren Schuljahren bleibt das Lesen der Schüler, die von Legasthenie betroffen sind, oft mühevoll und langsam. Neue Wörter, vor allem wenn sie komplexer sind, werden nur schwer erlesen. Auch der Sichtwortschatz, also die Wörter, die schon gespeichert sind und sofort gelesen werden können, ist beschränkt.

Das anstrengende und verlangsamte Lesen hat häufig ungünstige Auswirkungen auf das Leseinteresse. Viele betroffene Kinder und Jugendliche lesen nur sehr wenig und ungern.

Der Zuwachs beim Lesewortschatz ist gegenüber anderen Kindern reduziert. Allein aufgrund der geringen Lesefertigkeit kann das Leseverständnis deutlich eingeschränkt sein.

Wie sehen die Probleme beim Schreibenlernen und Rechtschreiben aus?

Fallbeispiel:Ein 8-jähriger Junge, der gerade die 1. Klasse wiederholt, sollte zwei Monate vor Beginn der Sommerferien einige einfache Wörter verschriften, z. B. <Seil>. Er konnte jedoch nicht einmal die Anfangslaute der Wörter identifizieren und schrieb nichts auf. Einige Zeit später schrieb er - eifrig und von selbst - folgende kleine Mitteilung:

                                               MYGGßH

Das <Y> war allerdings um 180o gedreht. Er selbst konnte keinen einzigen Buchstaben benennen.

Dieser Junge zeigt sicherlich eine extreme Form des Versagens beim Schreibenlernen. In den letzten 10 Jahren sind mir aber immer wieder auch solche -übrigens völlig normal intelligente - Kinder begegnet. 

 (wird fortgesetzt).

Verlauf während der ersten Grundschuljahre

Die Lese- Rechtschreibentwicklung ist in der ersten Klasse noch relativ variabel. Längsschnittstudien zeigen jedoch, dass Kinder, die gegen Ende der 2. Klasse noch größere bzw. außergewöhnliche Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen haben, diese Schwierigkeiten ohne spezifische Hilfe kaum mehr überwinden (Klicpera, 1993).

 

Welche schulischen Folgen kann Legasthenie / LRS haben?

Studien zeigen, dass der schulische Erfolg durch Legasthenie stark beeinträchtigt wird. Bei großer Unterstützung durch finanziell gut situierte Eltern können betroffenen Kinder und Jugendliche, die häufiger auch über einen überdurchschnittlichen IQ verfügen, höhere Schulabschlüsse erreichen. Tritt die Legasthenie mit weiteren Störungen, z. B. Verhaltensstörungen und ADHS auf, und kommt das Kind zusätzlich aus einem Elternhaus mit geringeren/geringen Ressourcen, verschlechtern sich seine Chancen deutlich (Strehlow U., 2004).

 

Welche Ursachen haben Legasthenie/ LRS?

Umweltfaktoren:

Die Leseschwierigkeiten der meisten schwachen Leser werden vermutlich nicht von kognitiven Defiziten, die eine biologische Basis haben, verursacht. Sie stehen vielmehr im Zusammenhang mit der leserelevanten Lernumwelt der Kinder. Trotzdem gibt es wahrscheinlich eine kleinere Gruppe von Kindern mit Leseschwierigkeiten, die v. a. Probleme mit der Lautverarbeitung der gesprochenen Sprache haben, die biologischen Ursprungs sind. Dies macht es für diese Gruppe sehr schwierig gute basale Lesefähigkeiten zu erlangen, auch wenn sie sehr früh, guten, intensiven und auf sie zugeschnittenen Unterricht... erhalten. Unter diesen Kindern gibt es besonders schwer Betroffene. Auf sie sollte die Diagnose "Legasthenie" beschränkt werden (Vellutino & Fletcher, 2005).

Veränderte Gehirnaktivitäten beim Lesen:

Mit bildgebenden Verfahren können Forscher die Aktivitäten bestimmter Gehirnregionen während des Lesens messen. Dabei wurde bei Kindern und Jugendlichen, bei denen Legasthenie bzw. LRS0 diagnostiziert worden war, ein verändertes Gehirnaktivitätsmuster beim Lesen festgestellt. Amerikanische Forscher betonen aber, dass Legasthenie / LRS kein neurobiologisches Schicksal ist, sondern:

Genetische Ursachen:

Ein genetischer Einfluss ist bei einem Teil der Schüler mit erheblich(st)en Lese- Rechtschreibproblemen (Legasthenie, LRS) nachgewiesen. Doch dies sollte nicht entmutigend sein. Die Gene sind nicht allein bestimmend, sondern die Lese-Rechtschreibentwicklung wird entscheidend durch die Umwelt, also durch Kindergarten, Schule und Elternhaus, beeinflusst. Dies bedeutet zugleich, dass eine angemessene und professionelle Förderung in Kindergarten und Schule, v. a. im Anfangsunterricht, eine enorme Rolle spielt.

zur herrschenden, stark umstrittenen Diagnostik von Legasthenie /LRS

Kinder und Jugendliche mit erheblichsten Lese- Rechtschreibschwierigkeiten werden in der medizinisch-psychiatrischen Diagnostik in zwei Gruppen eingeteilt. Die Diagnose „Lese-Rechtschreibstörung“, " Legasthenie" wird vergeben, wenn zwischen der gemessenen Intelligenz eines Kindes/Jugendlichen  und seinem Abschneiden in normierten Lese- und  Rechtschreibtests eine starke Diskrepanz vorliegt.  Ist der Unterschied zwischen den Werten im Intelligenztest und dem Lese- Rechtschreibtest nicht so groß, wird die Diagnose "Lese-Rechtschreibschwäche" "LRS" erteilt.

Diese Vorgehensweise ist international längst höchst umstritten1:

  • weil diese Diagnostik meist nur zu sehr generellen Empfehlungen führt und keine Bedeutung für die Förderung hat; und zudem meist von Personen durchgeführt wird, die mit der Lese- und Schreibentwicklung nicht sonderlich vertraut sind (Joshi, 2003)
  • wegen (psychometrischer) Schwierigkeiten bei der Diagnostik; so kann ein Kind z. B. bei wiederholter Testung die Gruppe wechseln, weil ein anderer IQ-Wert und / oder Lese- Rechtschreibtestwert gemessen wird  
  • weil sich die beiden Kindergruppen in ihren Leseleistungen und leserelevanten kognitiven Fähigkeiten nicht oder nur äußerst schwach unterscheiden (Metaananalysen von Hoskyn & Swanson, 2000; Stuebing et al. 2002)
  • weil den Kindern und Jugendlichen – wenn überhaupt - viel zu spät geholfen wird, da die Diagnose Legasthenie / LRS meist frühestens Ende der 2. Klasse gestellt werden kann ;
  • aufgrund der Benachteiligung der Kinder, die beim (meist einmalig durchgeführten) Intelligenztest weniger gut abschneiden;
  • Legasthenie / LRS tritt häufig zusammen mit ADHS auf. Bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten liegt die erreichte IQ-Testleistung im Durchschnitt 10 Prozentränge unter ihrem tatsächlichen aktuellen Wert (Ackermann nach Döpfner, 2000). 
  • In Zwillingsstudien wurden bei der genetischen Verursachungs-komponente keine oder nur relativ geringe Unterschiede zwischen Kindern mit diagnostizierter "Legasthenie" und Kindern mit "Leseschwäche" gefunden (Wadsworth et al. 2000). Bildgebende Verfahren   zeigten keine unterscheidbaren Gehirnaktivitätsprofile bei diesen beiden Kindergruppen.

In einer aktuellen Legasthenie-Definition (2003) von  führenden amerikanischen Wissenschaftlern  ist das Intelligenzdiskrepanzkriterium nicht mehr enthalten, weil es sich auf Grund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnislage zwar als historisch nachvollziehbare, aber falsche Hypothese erwiesen hat.2 2004 wurden in den USA  dementsprechende rechtliche Änderungen für die Diagnostik vorgenommen. Ein Intelligenztest ist dort nicht mehr vorgeschrieben.2a

Erforderlich ist eine kenntnisreiche und genaue Förder-Diagnostik des Lesens, lesensbezogener Fähigkeiten und des Schreibens von Anfang an. Dabei sollen auch standardisierte Tests zum Einsatz kommen. Eine bloße Ermittlung von Prozenträngen in standardisierten Tests genügt allerdings nicht. 

Prävention (Vorbeugung) und Förderung

Prävention, bereits im Kindergarten und weiter in der 1. Klasse, kann sehr erfolgreich sein- wodurch einem großen Teil der Kinder ein langer Leidensweg erspart bliebe. Legasthenie / LRS ist also für sehr viele Kinder kein unabwendbares Schicksal, sondern ein unnötiges Versagen.

  • Dabei spielt das regelmäßige Vorlesen, das Sprechen über die Bücher(oder zusätzlich auch das Hören von CDs) und überhaupt eine sprachlich-kommunikativ anregungsreiche Umwelt eine große Rolle.

 

  • Gezielte frühe Sprach-Förderung bzw. Sprachtherapie  von Kindern mit sprachlichen Defiziten / Sprachentwicklungsstörungen ist notwendig.

 

  • Längsschnittstudien haben gezeigt, dass die phonologische Informa-tionsverarbeitung eine entscheidende Rolle für den Schriftspracherwerb spielt. Die bedeutsamste Komponente dabei ist die phonologische Bewusstheit, die auch bereits im Kindergartenalter - mit kindgemäßen, spielerischen Übungen -  trainiert werden kann ( Reime, Silben, Anlaute, Lautsynthese- und Analyse..).   Metaanalysen (z. B. Bus & IJzendoorn, 1999) haben gezeigt, dass das Training effektiver ist, wenn es mit einem Buchstaben-Laut-Training kombiniert wird.

 

  • Kinder kommen mit äußerst unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule. Ein Anfangsunterricht, der da ansetzt, wo die Kinder es brauchen, der förderdiagnostisch orientiert ist und spezielle Förderung umsetzt, ist ein zentraler und unabdingbarer Baustein der Prävention.  Von der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben (DGLS) wurde im Herbst letzten Jahres eine Stellungnahme zu Legasthenie - LRS veröffentlicht, die auf "Missstände in unserem Schulsystem" verweist. Dabei wird die Wichtigkeit des Anfangsunterrichtes betont, das Recht aller Kinder auf Förderung, die Notwendigkeit eines förderdiagnostischen Ansatzes und der Schaffung günstiger Rahmenbedingungen.  Außerdem wird für eine verbesserte Lehrerausbildung in Bezug auf den Schriftspracherwerb plädiert.... In einem kleinen Absatz wird sogar auf die Notwendigkeit außerschulischer Lerntherapie hingewiesen, wenn die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sehr lange anhalten. Zu Recht wird auch auf die Notwendigkeit einer Qualitätssicherung bei diesen Angeboten hingewiesen. 3

Arbeiten zur Fragwürdigkeit der Diskrepanz-Definition der Legasthenie:

aus Deutschland:

Publikationsliste der Würzburger Forschergruppe um Prof. Wolfgang Schneider zu diesem Thema; außerdem Klicpera 2001, Landerl 2003

Jutta Weber, Peter Marx & Wolfgang Schneider:  Legasthenie versus allgemeine Lese- Rechtschreibschwäche :Analysen zur Legitimation dieser diagnostischen Differenzierung

aus den USA, z.B.:

Lyon, G. Reid & Fletcher, Jack M. (2001). Early Warning System. How to prevent reading disabilities.

Themen des Beitrages:

Lyon, G. Reid (et al.) (2001).  Rethinking learning disabilities. In C. E. Finn et al. (Eds.). Rethinking special education for a new century. (pp.259-287). Washington, D.C.:Thomas B. Fordham Foundation. PDF

Jack M. Fletcher (2003). Operationalizing Learning Disabilities:The Importance of Treatment-Oriented Models.  PDF

2 G. Reid Lyon, Sally E. Shaywitz, Bennett A. Shaywitz (2003). A Definition of Dyslexia. Annals of Dyslexia (An Interdisciplinary Journal of The International Dyslexia Association). Volume 53, 1-14.

2a U.S. Individuals with Disabilities Education Act (IDEA)

3 Stellungnahme der DGLS zum Problem von Legasthenie / LRS